Milliarden investiert, 30 Mal im Jahr genutzt – wie die Baubranche Stadien neu denkt

Industrialisiertes Bauen machen Stadien nachhaltiger, schneller und wirtschaftlicher.


Durch einen modularen Ansatz und wiederverwendbare Komponenten sorgt Populous dafür, dass Veranstaltungsorte wie der Kai Tak Sports Park in Hongkong nachhaltiger sind. Credit: Populous.

Ein leeres Stadion mit überdachten Sitzplätzen und einem großen Bildschirm, auf dem ein Live-Video übertragen wird.

Matt Alderton

22. Juli 2026

Min. Lesedauer
  • Ältere Stadien wurden oft für einen einzigen Nutzungszweck konzipiert – mit einem vielseitigeren Nutzungskonzept wären Veranstaltungsorte auch nachhaltiger

  • Das industrialisierte Bauen, das Architektur und Fertigung verbindet, um Bauobjekte zu „produktisieren“, bietet eine Möglichkeit, nachhaltige Stadien zu planen

  • Mit den richtigen Beziehungen und den richtigen Technologien können Architekten, die industrialisiertes Bauen einsetzen, Projekte schneller, kostengünstiger und besser umsetzen

Das im Jahre 1965 eröffnete 18-stöckige Houston Astrodome wurde damals von den Einheimischen als „achtes Weltwunder“ bezeichnet. Das erste klimatisierte Kuppelstadion der Welt war gleichzeitig als erste Spielstätte mit Kunstrasen ausgestattet, was zu der Bezeichnung „AstroTurf“ führte.

Nach mehreren Jahren begann das Astrodome im wörtlichen und übertragenen Sinne zu bröckeln. Das American-Football-Team – die Houston Oilers – zog 1996 nach Tennessee um. Auch die Houston Astros Baseball-Mannschaft zog ein paar Jahre später aus dem Astrodome aus. Im Jahr 2005 diente der Veranstaltungsort als Unterkunft für 25.000 Überlebende des Hurrikans Katrina. 2009 wurde das Gebäude von der Stadt Houston für abbruchreif erklärt, weil es den örtlichen Brandschutzvorschriften nicht mehr entsprach. Seitdem steht es gespenstisch leer.

Der Astrodome ist aber kein Einzelfall. Auf der ganzen Welt liegen zahlreiche einst großartige Veranstaltungsorte brach. Sie sind nur noch leere Hüllen, die ihre Anziehungskraft, ihr Publikum und in vielen Fällen auch ihre strukturelle Integrität längst verloren haben. Diesen Verfall könne man aber vermeiden, so Nathan Tobeck, Partner und APAC-Leiter für Digital am Standort von Populous im australischen Brisbane. Das weltweit tätige Architektur- und Planungsbüro hat sich auf die Gestaltung von Sportarenen, Stadien, Kongresszentren und anderen Mehrzweck-Veranstaltungsorten spezialisiert. Populous verfolgt einen nachhaltigeren Ansatz in der Sport- und Unterhaltungsarchitektur: Das Unternehmen setzt digitale Tools und industrialisierte Bautechniken ein, um anspruchsvolle Projekte zu „produktisieren“.

Vom Produkt lernen: Was die Fertigungsindustrie dem Bauwesen voraushat

Ein leeres Stadion mit grünem Rasen und einer großen Leinwand.
Populous setzte bei der Gestaltung des Kai Tak Sports Park in Hongkong Strategien zur Produktisierung von Stadien ein. Credit: Populous.

„Unsere Branche kann es doch besser“, so Tobeck. „Wenn man Milliardenbeträge in den Bau von Stadien investiert, die nur zwischen 30 und 220 Mal pro Jahr genutzt werden, ist es nötig, den Endwert der Investition zu maximieren“, so Jonathan Nelson, Globaler Leiter für Digital bei Populous. „Produktisierung und industrialisiertes Bauen spielen dabei eine große Rolle.“

Durch die Übernahme von Grundsätzen und Abläufen aus der Produktdesign- und Fertigungsbranche sowie deren Anpassung mit Hilfe digitaler Technologie können Planungsbüros und Bauunternehmen Projekte schneller, effizienter und nachhaltiger gestalten: Das sind die Grundsätze der Produktisierung von Stadien und des industrialisierten Bauens.

„Komischerweise tut in unserer Branche am Anfang jedes Projekt jede beteiligte Person so, als müsste sie das Rad quasi neu erfinden“, erklärt Nelson. „Meine Aufgabe ist zu sagen: ‚Das haben wir doch schon gemacht, und so können wir es auf das übertragen, was ihr jetzt macht.‘ Dadurch lassen sich Effizienz- und Produktivitätsgewinne realisieren.“

Wenn ein Auto beispielsweise in einer Fabrik hergestellt wird, entwerfen die Produktingenieure nicht jedes einzelne Fahrzeug von Grund auf neu. Stattdessen verwenden sie vorhandene, wiederverwendbare Schablonen für gängige Teile und Komponenten, die maschinell in großen Mengen hergestellt und montiert werden.

Mit den richtigen Tools und fundiertem Weitblick können Gebäude auf ähnliche Weise „gefertigt“ werden. „Unsere Infrastruktur wird zwar immer größer und komplexer, aber wir haben die Vorgänge bei der Beschaffung von Bauteilen und beim Bau selbst nicht grundlegend verändert – insofern hinkt unsere Branche massiv hinterher“, so Nelson. Die Luft- und Raumfahrtbranche habe nur 63 Jahre gebraucht, um vom Flugzeug der Gebrüder Wright zur Landung eines Menschen auf dem Mond zu gelangen: „Wo können wir in unserer Branche auf einen ähnlichen Fortschritt aus den letzten 63 Jahren verweisen?“, fragt Nelson. „Es ist ein faszinierendes Problem, das wir zu lösen versuchen.“

Modular und wiederverwendbar: Eine Revolution im Stadionbau

: Ein volles Cricket-Stadion mit Zuschauern, die unter freiem Himmel ein Spiel verfolgen.
Das temporäre Nassau County International Cricket Stadium konnte nach der T20-Cricket-Weltmeisterschaft 2024 innerhalb von zwei Wochen abgebaut werden. Credit: Gabby Jones.

Bei Populous ist man überzeugt, dass sich mit dem industrialisierten Bauen und der Produktisierung nicht nur das Stagnationsproblem der Planungs- und Baubranche lösen lässt, sondern auch die damit einhergehenden Herausforderungen.

Das Nassau County International Cricket Stadium ist das perfekte Beispiel für den Ansatz von Populous. Das Stadion mit 34.000 Zuschauerplätzen wurde als New Yorker Austragungsort für die T20-Cricket-Weltmeisterschaft 2024 genutzt. Da Cricket in den USA weitaus weniger beliebt ist als viele andere Sportarten, wurde das Stadion von Anfang an als temporäres, modulares Bauwerk konzipiert. Der Veranstaltungsort erfüllte die strengen Standards für Cricket-Stadien und war gleichzeitig die weltweit erste temporäre Spielstätte für die Sportart.

Der überwiegende Teil der verwendeten Stadionkomponenten entspricht den Standardgrößen der auf dem Vermietungsmarkt für Veranstaltungen erhältliche Zelten, Gerüsten und Ausrüstungsgegenständen, die aus stark standardisierten Modulen zusammengebaut werden. Der Zuschauerbereich wurde hauptsächlich aus umgewidmeten Tribünen von Formel-1-Rennen gebaut. Nur kleine Teile – wie etwa die dreieckigen Abschnitte zwischen den modularen Tribünen – wurden auf gängige Weise gefertigt.

Das Stadion sollte trotz seiner temporären Funktion möglichst wie ein permanenter Veranstaltungsort gestaltet werden. Dazu gehörten verschiedene Sitzmöglichkeiten, VIP- und Clubräume, Umkleidekabinen sowie Presse-, Besprechungs- und Übertragungsräume, die alle aus sieben Modulgruppen zusammengestellt wurden.

Modulare Systeme spielten auch eine wichtige Rolle bei der Planung und Umsetzung des Stadions. Das Projekt wurde in nur neun Monaten geplant, gebaut und eröffnet. Im Vergleich dazu kann der Bau eines ähnlich großen permanenten Veranstaltungsorts mehrere Jahre dauern.

Auch Nachhaltigkeit war ein wichtiger Faktor. Zwei Wochen nach dem T20-Turnier wurde das Stadion abgebaut und für andere Veranstaltungen in Nordamerika umgewidmet – übrig blieb nur das Spielfeld selbst.

Laut Tobeck zeigt das Projekt den potenziellen Nutzen von abtransportierbaren modularen Stadionsitzen für den Einsatz in temporären Veranstaltungsorten: „Cricket wird in den USA nicht oft gespielt, aber was wäre, wenn es eine Möglichkeit gäbe, Sitzbänke und Sitze als Teil eines Systems herzustellen, das wir als überzeugende Lösung für ein spektakuläres, einmaliges Ereignis aufstellen könnten? Die gleichen Sitzbänke und Sitze könnten dann abgebaut und für eine andere Sportart an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Damit könnte man eine Situation vermeiden, in der eine Stadt beispielsweise Stadien für die Olympischen Spiele baut, die später niemals wieder verwendet werden.“

Wenn Architektur auf Fertigung trifft: Technologie als Bindeglied

Ein modernes Stadion mit einer geometrischen Kuppel umgeben von Gehwegen, auf denen Menschen ihre Hunde ausführen.
Durch die Optimierung des Designs für die Aluminiumfassade konnte Populous die Anzahl der Paneele für den Kai Tak Sports Park von 47.000 auf 27.000 reduzieren und die Stahlkomponenten um 40 % verringern. Credit: Populous.

Diese beeindruckende Vision beruht auf zwei grundlegenden Faktoren, sind sich Tobeck und Nelson einig.

Der erste ist die industrielle Konvergenz in Form von engen Produktionspartnerschaften. „Als Architekten sollten wir mehr Kontrolle über die Gebäudeplanung und mehr Einfluss auf das Endprodukt haben“, so Tobeck. „Typischerweise macht das Architektenbüro den Entwurf und gibt ihn dann an das Bauunternehmen weiter. Das Bauunternehmen übernimmt dann die gesamte Arbeit, einschließlich der Kommissionierung aller Fertigungsaufträge. Wenn wir bessere Möglichkeiten erschließen und unsere Produktionslinien beschleunigen wollen, um unsere Gebäude schneller fertigzustellen, müssen wir frühzeitig und direkt mit den Fertigungsunternehmen kommunizieren, damit wir unsere Ideen bereits in der Planungsphase mit ihnen testen können.“

Wenn Architekturbüros und Fertigungsbetriebe enger zusammenarbeiten, profitierten alle davon, so Tobeck. Als Beispiel nennt er den im Jahr 2025 eröffneten Kai Tak Sports Park in Hongkong, dessen Herzstück ein von Populous entworfenes Stadion mit 50.000 Zuschauerplätzen ist.

„Der ursprüngliche Entwurf sah eine Fassade aus mehr als 47.000 maßgefertigten Aluminiumplatten in 8.000 verschiedenen Formen und Größen vor“, so Tobeck. „Es wäre unmöglich gewesen, sie in einem angemessenen Zeitrahmen herzustellen, insbesondere während der COVID-19-Pandemie, die ausbrach, als wir uns noch in der Anfangsphase der Konstruktion befanden. Aus diesem Grund haben wir von Anfang an sehr eng mit unseren Fassadeningenieuren und dem Hersteller zusammengearbeitet, um die Anzahl der Platten zu reduzieren: Zusammen konnten wir die Plattengrößen und die Plattenabstände sowie die Stahlunterstützung optimieren. Wir mussten sicherstellen, dass die Paneele effizient hergestellt und mit möglichst wenig Materialverlust zugeschnitten werden konnten.“

Populous konnte die Anzahl der Paneele von 47.000 in 8.000 Varianten auf 27.000 in nur zwei Varianten reduzieren. Durch diese Maßnahmen wurden fast 1.000 Tonnen Beton eingespart, 40 % weniger Stahl verbraucht und die Projektkosten um etwa 25 % gesenkt.

„Durch die engere Zusammenarbeit mit unserem Fertigungspartner konnten wir die Planung optimieren, die Nachhaltigkeit verbessern, das Projekt schneller realisieren, Geld sparen und viel weniger Abfall produzieren“, so Tobeck.

Eine engere Verbindung zu den Fertigungsbetrieben erfordert eine engagierte Kontaktaufnahme und -pflege sowie die nötige Technologie – der zweite wichtige Faktor für industrialisiertes Bauen und Produktisierung.

„BIM ermöglicht uns einen frühzeitigen Austausch mit unseren Fertigungspartnern“, so Tobeck. „Autodesk Revit ist das Rückgrat für alles, was wir tun.“ Der Kai Tak Sports Park sei beispielsweise vollständig in Revit entwickelt worden, so Nelson.

Laut Tobeck stärken Tools wie Autodesk Informed Design die digitale Vernetzung zwischen Architekturbüros und Fertigungsbetrieben. Er stellt sich eine Zukunft vor, in der Architekten Daten aus Autodesk Inventor in ihre Revit-Modelle einbinden können: „Hätten wir eine Option, die wie ein Proxy funktioniert, um Informationen von unseren Fertigungspartnern aus Inventor in unsere Modelle zu integrieren, könnten wir viel früher mit ihnen kommunizieren“, erklärt er. „Dann könnten wir Programme wie Autodesk Construction Cloud verwenden, um Meldungen von unseren Fertigungspartnern zu erhalten, wenn sie Produkte aktualisieren, eine neue Produktlinie auf den Markt bringen oder Produkte einstellen. Wir könnten dann das alles sehen und direkt mit ihnen kommunizieren, um herauszufinden, welche Produkte verfügbar sind, wo sie erhältlich sind und was sie kosten. Die Möglichkeit, diese Informationen zu erhalten und darauf aufbauend unsere Zeitpläne zu beschleunigen, wäre für alle phänomenal.“

Populous nutzt auch KI für die Bauplanung: „Für die Sitzanordnung nutzen wir maschinelles Lernen besonders aktiv“, so Nelson. „Wir können mit diesen ganzen fachbezogenen Daten die Sitzplatzkategorien optimieren. Wir können sagen: ,Bei einer C-förmigen Sitzanordnung für ein Konzert sieht die Kartenverkaufssegmentierung so aus. Bei einer U-förmigen Sitzanordnung sieht sie so aus. Beim Basketballspiel sieht sie so aus.‘ Das kann als Grundlage für unsere Baupläne dienen, damit wir sowohl das Zuschauererlebnis als auch die Einnahmen für den Veranstaltungsort im Laufe der Zeit maximieren können.“

Über die Planung hinaus: Wert über den gesamten Lebenszyklus schaffen

Durch Zusammenarbeit mit zukunftsorientierten Bauherren und Bauunternehmen sowie Herstellern können Architekturbüros weit über die Planungsphase hinaus einen Mehrwert schaffen: Hier liegt das wahre Potenzial der Produktisierung. „Unser Ziel ist es, unsere Bauherren während des gesamten Lebenszyklus der Anlagen zu begleiten, von der Formulierung der Anforderungen und der Planung bis hin zum Ende der Nutzungsdauer und der Wiederverwendung“, so Nelson. „Dementsprechend entwickeln wir auch Tools und Dienstleistungen für den ganzen Lebenszyklus.“

Populous verfolgt bei der Gestaltung und dem Betrieb von Stadien einen integrierten Ansatz. „Neben der Planung des Bauobjekts übernehmen wir auch die Planung für größere Veranstaltungen sowie die angrenzenden Dienstleistungen, weil wir Experten für die Nutzung unserer Einrichtungen sind“, so Nelson. „Wir stellen sicher, dass alles, was wir für unsere Veranstaltungsorte planen, für den jeweiligen Zweck geeignet ist, denn es kann sein, dass wir auch die Veranstaltungen planen müssen, die dort stattfinden. Wir sehen uns nicht als Architektur- und Planungsbüro, sondern als Unternehmen der Sport- und Unterhaltungsbranche.“

„Durch die engere Zusammenarbeit mit unserem Fertigungspartner konnten wir die Planung optimieren, die Nachhaltigkeit verbessern, das Projekt schneller realisieren, Geld sparen und viel weniger Abfall produzieren.“

Nathan Tobeck, Partner und APAC-Leiter für Digital, Populous

Industrialisiertes Bauen wird jedoch nicht nur bei Stadien eingesetzt. Laut Tobeck ließen sich die Vorteile dieser Verfahren auf eine Vielzahl von Strukturen in unterschiedlichen Branchen übertragen. Er ist der Meinung, die Produktisierung von Stahl- und Holzrahmen könne ebenso vorteilhaft sein wie die Produktisierung von Stadionsitzbänken.

„Fertigungsbetriebe produzieren vielleicht schon jetzt tolle Stahl- oder Holzkonstruktionen, aber die Planenden wissen nicht unbedingt davon, weil die zwei Berufe nicht konsequent miteinander kommunizieren“, erklärt Tobeck. „Momentan sind die Architekturbüros für die Planung zuständig, und die Bauunternehmer und Fertigungsbetriebe bemühen sich dann, diese Pläne zu verwirklichen. Aber stellen Sie sich vor, beide Seiten würden miteinander reden, und die Gebäudeplanung würde unter Berücksichtigung des Herstellerangebots erfolgen. Somit wäre unsere Arbeit kostengünstiger, einfacher und nachhaltiger. Das würde die Installation beschleunigen. Und wir könnten wiederum die eingesparte Zeit und das Geld nutzen, um besser zu planen.“

Matt Alderton

Zur Person: Matt Alderton

Matt Alderton ist ein in Chicago ansässiger freiberuflicher Autor, der sich auf Wirtschaft, Design, Gastronomie, Reisen und Technologie spezialisiert hat. Er ist über seine Website MattAlderton.com zu erreichen.

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