Die Frachtcontainer-Architektur von RAD LAB gibt Impulse für die Stadterneuerung

Die Architekturgruppe RAD LAB erstellt mit recycelten Frachtcontainern eine modulare Architektur für lebendige Treffpunkte in US-Städten.


RAD LAB baute das Quartyard, eine lebendige Gemeinschaftsfläche im kalifornischen San Diego, aus recycelten Schiffscontainern.

Credit: Darren Bradley Photography.

Eine Nachtansicht der Quartyard-Bühne mit den Frachtcontainern, die die Grundlage des Baus bilden.

Taz Khatri

3. Februar 2026

Min. Lesedauer
  • Zur Wiederbelebung einer verfallenen Ecke im kalifornischen San Diego entwickelten drei Architekturstudenten einen Plan für eine Gemeinschaftsfläche aus Frachtcontainern

  • Unter dem Namen RAD LAB gingen sie eine öffentlich-private Partnerschaft mit der Stadt ein, um das Quartyard zu gründen, bestehend aus einem Café, einer Veranstaltungsfläche, einem Hundepark und anderen Freizeitanlagen

  • Weil das Gemeinschaftsgelände als Zwischennutzungsprojekt geplant war, das später durch einen dauerhaften Gebäudekomplex ersetzt werden sollte, mussten die Module leicht abtransportierbar sein. RAD LAB hat seitdem das Quartyard II sowie andere ähnliche Projekte in 15 US-amerikanischen Städten gebaut

In den 1980ern bestand das East Village im kalifornischem San Diego aus einer Ansammlung von verlassenen Lagerhallen. Im Rahmen der Pläne für die Wiederbelebung des Gaslight District beschloss die Stadtverwaltung, die kommunale Obdachlosenhilfe ins benachbarte East Village auszulagern. Im Zuge davon kamen obdachlose Personen aus der ganzen Stadt, um die Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen sowie die verfallenen und verlassenen Gebäuden als Wohnraum zu nutzen.

Im Jahr 2008 wollten drei Studenten der New School of Architecture + Design etwas in ihrer Stadt zum Besseren verändern. Jason Grauten, David Loewenstein und Philip Auchettl gründeten RAD LAB und beschäftigten sich im Rahmen ihrer Abschlussarbeit mit dem Problem der leerstehenden Grundstücke im East Village.

Damals war der Einbruch des US-amerikanischen Immobilienmarkts in vollem Gange. Zwangsversteigerungen führten zu weiteren leerstehenden Grundstücken und verschlimmerten das Problem des Verfalls im Viertel. RAD LAB wollte den gängigen Zeitrahmen der Immobilienentwicklung beschleunigen und einen positiven Einfluss auf das Problemviertel ausüben, der nicht erst Jahre später, sondern sofort spürbar war.

Nach Gesprächen mit Anwohnergruppen, der Stadtverwaltung und der gemeinnützigen Einrichtung Civic San Diego konnte das Unternehmen die anfängliche Skepsis überwinden und die Stadt San Diego überreden, eine einzigartige öffentlich-private Partnerschaft zu schmieden. Die Studenten überzeugten die Stadt, ihnen ein leeres Grundstück, das dem Bundesstaat Kalifornien gehört und von der Stadt verwaltet wird, zu einem erheblichen Preisnachlass zu vermieten. Sie schlossen einen Gewinnbeteiligungsvertrag ab, der sicherstellte, dass die Stadt im Falle eines Erfolgs von RAD LAB ebenfalls davon profitieren würde – und bei eventuellen schwächeren Monaten keine zusätzlichen Kosten zu tragen hätte. Zur Finanzierung dieses Vorhabens sammelte RAD LAB über Kickstarter Spenden in Höhe von 60.000 US-Dollar (51.200 Euro).

Eine Zwischenlösung

Besucher des Quartyard sitzen an Bierbänken vor einer Bar, die aus einem recycelten Frachtcontainer besteht.
Die einladende Gemeinschaftsfläche des Quartyard-Projekts hat ein leerstehendes Grundstück schnell wiederbelebt und langfristige Investoren für dessen Umgestaltung angezogen. Credit: Darren Bradley Photography.

Eine Bedingung für die Zusage der Stadt war, dass alle Eingriffe des Projekts nur vorübergehend sein durften: Letztendlich sollte das Grundstück als erschwinglicher Wohnraum genutzt werden. Das sei Anlass für vielfältige Innovationen gewesen, so Grauten: „Der gesamte Prozess zwang uns dazu, eine nachhaltige, wiederverwertbare Architektur zu erfinden, die an einen anderen Ort umziehen kann, wenn sie hier nicht mehr gebraucht wird“, erklärt er. „So kamen wir auf die Idee, recycelte Schiffscontainer zu verwenden: Sie sind abtransportierbar, modular und können neu geordnet werden. Dazu können sie für eine Vielzahl von Zwecken wie Restaurants, Bars, Büros oder Cafés verwendet werden.“

RAD LAB wollte das brachliegende Grundstück in einen Treffpunkt für die Lokalbevölkerung verwandeln. „Es stand einfach leer und wurde zum Sammelplatz für Obdachlose, Landstreicher und offenen Drogenkonsum“, so Lowenstein. Neben den negativen visuellen Auswirkungen haben leerstehende Grundstücke noch viele weitere Folgen. In einem Artikel der US National Institutes of Health (NIH) gaben Befragte an, dass Brachflächen das Wohlbefinden der Anwohnenden beeinträchtigten, indem sie die positiven Aspekte der Gemeinschaft überschatteten, zu Brüchen zwischen Nachbarn beitrugen, Kriminalität anzogen und die Bewohner verängstigten. Leerstehende Grundstücke hätten Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit durch Verletzungsgefahr, die Ansammlung von Müll und die Anziehung von Ungeziefer sowie auf die psychische Gesundheit durch Angst und Stigmatisierung.

RAD LAB war in der Lage, diese negativen Auswirkungen rückgängig zu machen und das Gelände schnell mit Angeboten aufzuwerten, die tagsüber Besucher anziehen würden. Das Areal sollte mit der Zeit nicht nur zu einem sicheren, sondern auch zu einem blühenden Ort für die Gemeinschaft werden. Aus recycelten Schiffscontainern entstand das Quartyard, bestehend aus einem Café, einem Biergarten, einem Hundepark, Büros, einer Veranstaltungsfläche mit Bühne und öffentlichen Toiletten. Erweitert wurde das Freizeitangebot mit temporären Installationen wie einer Kletterwand.

Eine wachsende Bewegung

Ein Blick auf das Quartyard II zeigt, wie Hunde und ihre Besitzer sich im Hundepark vergnügen.
Nach dem Umzug auf das neue Gelände unter dem Namen Quartyard II arbeitete RAD LAB mit Fachkräften aus dem Ingenieurwesen und der Stadt San Diego zusammen, um den Transport der temporären Strukturen weiter zu vereinfachen. Credit: Darren Bradley Photography.

Die Gruppe erfüllte zwei ihrer Versprechen gegenüber der Stadt: Erstens wurde das leerstehende Grundstück schnell öffentlich zugänglich gemacht. Zweitens wurde die Struktur für eine befristete Zeit verwendet und anschließend problemlos umgesiedelt. Die Revitalisierung dieser ehemaligen „Problemecke“ war zwei Jahre lang ein Segen für die Gemeinde und zog schließlich die von der Stadt erhofften langfristigen Investitionen an. Holland Partners, eine große Immobiliengruppe, hat das Grundstück erworben und Pläne für den Bau eines 34-stöckigen Mischnutzungsobjekts mit 427 Wohn- und Gewerbeeinheiten entwickelt. Die San Diego State University wird das Gebäude um einen Satellitenstandort erweitern. Auch wenn das Grundstück ursprünglich für den Bau von Sozialwohnungen vorgesehen war, wird der Preis dieser Objekteinheiten wegen des Erfolgs von Quartyard vom Markt bestimmt – ein frustrierender, aber wohl unvermeidlicher Aspekt der Revitalisierung.

Bei den Anwohnenden fand das Quartyard großen Anklang – so sehr, dass sie sich sogar dafür einsetzten, dass der Gebäudekomplex ihnen auch nach Ablauf des Zwischennutzungsprojekts erhalten blieb. RAD LAB konnte die Stadtverwaltung überzeugen, ein anderes brachliegendes Grundstück in der Nähe anzumieten, um zu testen, ob die Container-Gebäude tatsächlich problemlos verlegt werden konnten. Insgesamt zehn Container wurden transportiert.

„Wir mussten Schweißnähte aufbrechen und die Container auf Lastwagen setzen, um sie dann die Straße hinunter zu unserem nächsten Grundstück zu bringen“, erklärt Grauten. RAD LAB konnte 90 % der Strukturen des ursprünglichen Quartyard-Geländes retten. Im Vergleich werden nach Angaben der US-amerikanischen Environmental Protection Agency (EPA) im Normalfall nur 40 % der Bau- und Abbruchabfälle wiederverwendet, recycelt oder in Müllverbrennungsanlagen entsorgt, während 60 % auf Mülldeponien landen.

Die neue Version des temporären Geländes heißt Quartyard II: Nur 150 Meter von seinem Vorgänger entfernt, belebt der Komplex weiterhin das East Village mit einem Restaurant, einer Hundeauslauffläche, einem Biergarten, einem Veranstaltungsort, einem Kunstraum und einem Café.

Die neue Anlage ist mit 1.022 Quadratmetern zwar nur halb so groß wie der ursprüngliche Quartyard, bietet jedoch Platz für eine Vielzahl von Veranstaltungen wie Freiluftkonzerte, Straßenmärkte, Hochzeiten, kulturelle Angebote und Aktivitäten für die Lokalbevölkerung. RAD LAB hat dieses kleinere Grundstück für drei Jahre gepachtet, damit es ein Jahr länger Zeit hat als das ursprüngliche Quartyard, zu wachsen und sich weiterzuentwickeln.

Aus den ersten Erfahrungen mit dem Transport der Schiffscontainer hat das RAD LAB gelernt. Nun arbeitet das Unternehmen mit Fachkräften aus dem Ingenieurwesen und der Stadt San Diego zusammen, um seine Zwischennutzungsprojekte noch einfacher zu machen. „Wir entwickeln Spannschlösser und Verriegelungsmechanismen als Alternative zum Verschweißen des Containers mit dem Fundament: Damit können wir die Container einfach vom Fundament trennen, auf einen Lkw laden und sie zum nächsten Einsatzort bringen“, so Grauten.

Unterwegs mit RAD LAB

Gäste genießen einen Abend im Innenhof des Hotels Herringbone.
Im texanischen Waco verwandelte RAD LAB ein verlassenes Gebäude aus Schiffscontainern in ein Boutique-Hotel. Credit: Darren Bradley Photography.

Seit seinem ersten Erfolg hat RAD LAB weiterhin innovative, temporäre, mobile und nachhaltige Entwicklungen in mehreren US-amerikanischen Städten geschaffen. Neben Schiffscontainer-Projekten umfasst das Portfolio auch Entwürfe für konventionelle Gebäude.

Das Hotel Herringbone im texanischen Waco ist das neueste Vorzeigeprojekt des Unternehmens. Diese öffentlich-private Partnerschaft entstand, als sich eine Stadträtin von Waco an RAD LAB wandte, um ein heruntergekommenes, unvollendetes und verlassenes mehrstöckiges Gebäude aus Schiffscontainern zu sanieren, das zwangsversteigert worden war. RAD LAB schwebte auch hier keine konventionelle Büroimmobilie vor: „Die Idee war, einen weiteren Treffpunkt zu schaffen, an dem sich eine Gemeinschaft entfalten und die Stadt insgesamt aufwerten konnte“, so Grauten.

Die Gruppe verwandelte das verfallene Container-Gebäude und das umliegende Grundstück in ein florierendes Boutique-Hotel namens Hotel Herringbone. Das revitalisierte Grundstück beherbergt außerdem sieben bis acht Einzelhandelsgeschäfte, ein Café, ein gehobenes Restaurant, eine Dachterrassenbar und einen für die Öffentlichkeit zugänglichen Innenhof mit einem Weinrestaurant und einer Bühne. Heute ist das Hotel seit fast einem Jahr in Betrieb und übertrifft alle darin gesetzten Erwartungen. RAD LAB hatte den Auftrag, eine halbfertige und verlassene Schiffscontaineranlage zu verschönern, die zu einem Schandfleck in der Stadt geworden war. Das unternehmerische Trio hat einen neuartigen Raum geschaffen, den die Einheimischen gerne besuchen und auf den sie stolz sind. „Von der Planung über die Entwicklung und den Bau bis hin zur Fertigstellung haben wir alles gemacht. Wir haben mit einigen großartigen Innenarchitekten zusammengearbeitet und ein wirklich lustiges, ausgefallenes, andersartiges Hotelkonzept entwickelt, das neu für Waco und sogar neu für die Welt ist“, so Grauten.

Ein partnerschaftlicher Aufbau einer Gemeinschaft

Luftaufnahme des Hotel Herringbone.
Die Anwohnende profitieren von Einzelhandelsgeschäften, einem Restaurant, einer Dachterrassenbar und einem öffentlichen Innenhof. Credit: Darren Bradley Photography.

Die innovativen Projekte von RAD LAB erfordern ein hohes Maß an Zusammenarbeit, die durch Autodesk Revit erleichtert wird. „An diesen Projekten ist eine sehr große Anzahl von Personen beteiligt: von Innenarchitektinnen über Bauingenieure und Tragwerksplaner bis hin zu Beleuchtungsberaterinnen, HLK-Spezialistinnen und Niederspannungsinstallateuren“, sagt Loewenstein. „Die Möglichkeit, ein zentrales Modell mit allen Beteiligten zu teilen, hilft definitiv, Konflikte zu reduzieren.“

Als RAD LAB das Projekt in Waco begann, entdeckte das Unternehmen, dass das vorhandene Schiffscontainer-Gebäude halbfertig und offensichtlich voreilig mit wenig Rücksicht auf Baupläne oder bewährte Verfahren zusammengebaut worden war. Um den Ist-Zustand zu dokumentieren, erstellten die neuen Planungsverantwortlichen ein 3D-Modell in Revit.

„Unser Revit-Modell war am Ende total abgefahren, weil wir so viele verschiedene Varianten zusammenfügen mussten“, so Loewenstein. „Ich weiß nicht, wie wir unsere Projekte ohne Revit hätten durchführen können. Es hat uns eine Menge Geld gespart, indem wir einige potenzielle Katastrophen vermieden konnten, insbesondere beim Herringbone-Projekt.“

Brachliegende Grundstücke und ihre negativen Auswirkungen sind in jeder Stadt in den USA zu finden: Allerdings hat RAD LAB gezeigt, dass solche Flächen tatsächlich zu Orten werden können, die Gemeinschaftsbildung fördern, statt sie zu behindern. Bislang haben sich mindestens sieben weitere Städte mit der Bitte an RAD LAB gewandt, Konzepte für die Aufwertung ihrer Problemviertel zu entwickeln. Durch Beharrlichkeit, Innovation und die richtigen öffentlich-privaten Partnerschaften verbreitet RAD LAB sein erprobtes nachhaltiges und gemeinschaftsorientiertes Modell zur Wiederbelebung von Brachflächen überall in den USA.

Taz Khatri

Zur Person: Taz Khatri

Taz Khatri ist lizenzierte Architektin und Inhaberin des Architekturbüros Taz Khatri Studios. Ihr Unternehmen ist spezialisiert auf kleinere gewerbliche Projekte und Mehrfamilienhäuser sowie auf den Denkmalschutz. Wichtige persönliche Themen sind für Khatri die Stadtplanung, Gleichberechtigung und Nachhaltigkeit. Sie lebt und arbeitet in Phoenix, im US-Bundesstaat Arizona.

Für Sie empfohlen