Implementierung eines Common Data Environments bei Obermeyer

Autodesk Forma in der Praxis

„Wir sind zur Effizienz gezwungen und brauchen deshalb die effizientesten digitalen Planungsmethoden.“

Wenzel Gierlich, Referent im Funktionsteam bei Obermeyer, spricht im Interview über seine Erfahrungen bei der Einführung eines Common Data Environments (CDE).


 

Herr Gierlich, worin liegen zur Zeit die größten Herausforderungen bei der Planung und Umsetzung von Infrastrukturprojekten?

Gierlich: Das ganz große Thema ist die alternde Infrastruktur. Die Wahrnehmung ist inzwischen ja auch in der Politik angekommen, dass wir da wirklich etwas tun müssen. Das heißt, wir haben akut die Notwendigkeit, sehr schnell sehr viel umzusetzen. Und das mit gleichzeitig limitierten Ressourcen.

Wie können Sie darauf reagieren?

Gierlich: Wir müssen in allen Bereichen effizienter werden, und das geht nur, indem wir vieles digitalisieren. Wir brauchen eine durchgängige Planung, am besten nur noch in 3D, und die richtigen Werkzeuge an der richtigen Stelle. Damit sichergestellt ist, dass alle Beteiligten immer auf demselben Informationsstand sind und nicht aneinander vorbei kommunizieren. Das ist es, was die Effizienz am meisten erhöht. Im Grunde genommen sind wir durch die äußeren Faktoren zur Effizienz gezwungen und brauchen deshalb auch die effizientesten digitalen Methoden.

Sie haben auch die limitierten Ressourcen angesprochen...

Gierlich: Das bezieht sich einerseits auf Personal, also dass wir innerhalb der Branche mit den vorhandenen Mitarbeitenden mehr erreichen müssen. Andere Ressourcen sind üblicherweise Geld oder auch Baustoffe. Wir möchten natürlich nicht zu viel verbauen und dafür sorgen, dass unsere Projekte nachhaltig sind und die Bauwerke lange halten. Also der Ressourcenaspekt ist extrem wichtig und auch da kann uns digitale Planung effizienter machen.

 

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Obermeyer beschäftigt sich mit komplexen Infrastrukturprojekten. Wie gelingt es Ihnen, diese Komplexität zu reduzieren?

Gierlich: Reduzieren ist, glaube ich, der falsche Begriff. Man kann Komplexität eher beherrschen. Zunächst einmal, indem man mehr miteinander spricht. Das klingt wahnsinnig simpel, ist aber aus meiner Sicht der Faktor, mit dem wir wirklich etwas erreichen können. Wir sollten möglichst früh die Planungsteams an einen virtuellen oder physischen Tisch bringen und mit einer gemeinsamen Datenbasis starten, die dann nach und nach befüllt wird. Bei komplexen Projekten hilft außerdem die Strukturierung von Daten und Zuständigkeiten. Wenn man die Gesamtmaßnahme in kleinere Abschnitte und Aufgaben unterteilt, dann werden auch die Herausforderungen der Projekte besser händelbar.

War das der Grund dafür, dass Sie bei Obermeyer ein Common Data Environment eingeführt haben?

Gierlich: Ja, das war der Hauptgrund. Obermeyer hat sich immer schon als Pionier der digitalen Planung gesehen. Wir arbeiten schon lange mit BIM und die cloudbasierte CDE-Plattform Autodesk Forma ist da nur eine logische Erweiterung. Sie bedeutet letztlich nur, dass alle Projektdaten an einem Platz zusammengeführt werden als „Single source of truth“. Da gibt es deutlich weniger Missverständnisse und Kommunikationsfehler.

Das heißt, die Kollaboration wird stark vereinfacht?

Gierlich: Ja, es ist viel einfacher, wenn der Ort der Datenablage für alle gleich ist. Der Sinn des CDE liegt darin, sämtliche Projektdaten zu zentralisieren. So können wir sie besser auswerten, hierarchisieren und kontextualisieren. Dadurch wird es für alle Beteiligten einfacher zu erkennen, wo die „Projektwahrheit“ liegt. Es gibt dann nicht länger mehrere Wahrheiten nebeneinander, sondern nur noch eine gemeinsame.

Heißt das auch, dass Sie die Daten besser nutzen können?

Gierlich: Auf jeden Fall, denn wir brechen Datensilos auf, können Informationen, die bisher auf vielen Servern verteilt waren, jetzt zentral nach Qualität bewerten und damit für alle besser nutzbar machen. Das spielt auch eine Rolle, wenn wir KI zukünftig verstärkt einsetzen. Mit einer einheitlichen, durchgängigen Datenbasis lassen sich Informationen automatisiert auswerten – das wäre sonst kaum möglich.

 

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Alle Projektdaten sind über Autodesk Forma zentral vernetzt – vom Design über Preconstruction bis hin zu Bau und Betrieb.

 

Wie haben Ihre Kolleginnen und Kollegen auf die Einführung des CDE reagiert?

Gierlich: Meist sehr positiv, weil es das Datenmanagement in unseren großen und komplexen Infrastrukturprojekten deutlich erleichtert – ebenso wie die Zusammenarbeit mit anderen Niederlassungen, Planungspartnern sowie Auftraggebern. Viele jüngere Mitarbeitende tun sich als Digital Natives etwas einfacher mit dem digitalen Arbeiten. Sie sind es gewohnt, Informationen online zur Verfügung zu haben und digital zusammenzuarbeiten. Bei älteren Mitarbeitenden ist die Anpassungszeit individuell sehr verschieden, jedoch sind viele von ihnen an den Mehrwerten des cloudbasierten Arbeitens interessiert, weil es ihren Arbeitsalltag erleichtert. Dabei spielt die persönliche Einstellung eine größere Rolle als das Alter.

Und wie haben die Kunden reagiert?

Gierlich: Die Reaktion der Kunden fiel unterschiedlich aus, was einerseits an sehr verschiedenen Entwicklungsständen bei unseren Auftraggebern liegt, andererseits auch an der persönlichen Einstellung der handelnden Personen. Es gibt mittlerweile einige Kunden, die mehr Digitalisierung wollen und den Mehrwert erkennen. Sie sehen zum Beispiel, dass Obermeyer mit einem Klick aktuelle Zwischenstände übermitteln kann und dafür nicht mit einem Laptop oder mit einem Plan einmal durch die Republik reisen muss. Andere Auftraggeber sind noch weit weg davon, komplett digital zu arbeiten und wollen weiterhin konventionelle Lieferergebnisse. Dieses Spannungsfeld verlangt von uns ein flexibles Vorgehen.

Kommen wir zurück zur konkreten Einführung des CDE bei Obermeyer. Mit welchen Schritten haben Sie begonnen?

Gierlich: Wir haben angefangen, wie man jede Veränderung beginnen sollte: mit Kommunikation. Das würde ich auch jedem Unternehmen empfehlen – erstmal zu erklären, was der Sinn und Nutzen ist, wie es uns voranbringt und die Arbeitsqualität verbessert. Dabei sind anschauliche Beispiele hilfreich: Wir haben teils Projektdaten im dreistelligen Gigabyte-Bereich – die will doch keiner auf ein paar Festplatten durchs Unternehmen tragen. In der Cloud sind sie besser aufgehoben. Ich habe auch immer das Beispiel vom „Melting Pot“ verwendet. Ein CDE ist nichts anderes als ein Schmelztiegel, in dem wir die unterschiedlichsten Daten miteinander verheiraten.

Und was war der nächste Schritt in der Einführung?

Gierlich: Der zweite wichtige Schritt war es dann, Rollen und Rechte festzulegen: Wer hat wann Zugriff auf welche Daten und warum? Das war bisher auf Ordnern und Servern auch so geregelt, insofern ist es keine große Umstellung, es muss nur neu definiert werden. Um die korrekte Ablage der Daten und die Auffindbarkeit sicherzustellen, empfiehlt es sich, eine separate Rolle zu vergeben an jemanden, der sich ausschließlich um die Datenqualität kümmert.

Können Sie in allen Infrastrukturbereichen wie Schiene, Straße, Wasser, Tunnel etc. mit denselben Workflows arbeiten?

Gierlich: Auch wenn die Planungsinhalte verschieden sind, kann ich auf ähnliche Weise in die Planung starten, mit fest definierten Workflows. Durch Standardisierung kann ich auch die Abläufe für Freigaben immer gleich halten. Das ist wirklich sehr vorteilhaft. Das Prinzip bleibt immer gleich: Im Endeffekt brauchen wir das Modell oder abgeleitete Inhalte daraus, die liegen immer zentral ab und haben durch die Workflows auch einen klaren Status.

 

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Autodesk Forma bündelt mehrere Lösungen für den gesamten Projektlebenszyklus – inklusive Werkzeugen für das Datenmanagement und KI-Anwendungen.

 

Wie unterscheidet sich der Workflow in einem CDE von Ihren bisherigen Methoden?

Gierlich: Entscheidend ist die bessere Koordination. Es gibt ja prinzipiell zuerst jemanden, der das Modell erstellt, und für den ändert sich kaum etwas. Danach gibt es die fachliche Prüfung mit Experten, die sagen: Das ist richtig dimensioniert, das ist statisch korrekt usw. Und dann gibt es jemanden, der sagt, die Daten stehen an der richtigen Stelle, weil wir sie ja irgendwann kontextualisieren wollen. Am Schluss haben wir dann mehrere geprüfte Fachmodelle, die wir übereinanderlegen können, zum Beispiel eine Brücke über eine Straße, und zwar als zentrales Gesamtmodell. Ein großer Unterschied im Workflow sind die Feedback-Zyklen: Sie sind deutlich kürzer, wodurch ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess entsteht. Neue Versionen der Planung sind im CDE sauber abgebildet – das war vorher ein händischer und eher fehleranfälliger Prozess.

Wie kann ein CDE die Betreiber dabei unterstützen, relevante Bauwerks-Informationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg zu nutzen?

Gierlich: Der Vorteil für den Betreiber ist ganz einfach zu beschreiben: Probleme lassen sich leichter lösen, wenn man sie direkt sehen kann. Wenn das ganze Bauwerk in einem Modell abgebildet ist, kann man anhand des Modells sofort erkennen: Wie muss ich es warten? Wo sind Sensoren eingebaut? Wie kann der spätere Rückbau aussehen? Das ist im Idealfall schon mitgedacht. Wenn das alles auf mehrere Dateien verstreut ist, gehen wichtige Zusammenhänge verloren.

Gerade öffentliche Auftraggeber legen Wert auf Nachhaltigkeit und Resilienz. Kann ein CDE Ihr Profil in diesem Bereich schärfen?

Gierlich: Es wird zumindest einfacher, solche Themen transparent darzustellen. Was die Auftraggeber von uns in Sachen Nachhaltigkeit wollen, ist vielschichtig und im Endeffekt eine Kostenfunktion. Dabei können die Kosten in Euro bemessen werden oder beispielsweise in Tonnen CO2. Also wenn man das wirklich bis aufs Simpelste runterbricht, könnte man sagen: Ich zeige dem Auftraggeber verschiedene Versionierungen mit unterschiedlichen Materialien und kann die sofort miteinander vergleichen – auch preislich. Oder ich zeige Versionierungen, die unterschiedlich auf Umwelteinflüsse reagieren. Das ist mit einer durchgängigen Datenbasis relativ einfach, weil die Varianten online stehen und so direkt verglichen werden können. Wenn man den Begriff der Nachhaltigkeit etwas weiter fasst, dann sind wir als „Datenproduzent“ natürlich auch bestrebt, dass die Daten nachhaltig genutzt werden können. Das kann naheliegenderweise auf der Baustelle passieren, zum Beispiel für die Mängelverfolgung oder die Protokollierung der Abnahme. Leider spielen die angesprochenen Themen im Infrastrukturbereich aktuell noch eine eher punktuelle Rolle.

 

Was ist Ihr Fazit – warum würden Sie Ingenieurbüros raten, über ein CDE nachzudenken?

Gierlich: Eine cloudbasierte zentrale Datenplattform ist die Voraussetzung für Interoperabilität. Sie bedeutet am Ende: besseres Verständnis für das Projekt, weniger Fehler und schnellere Entscheidungen. Im Grunde genommen reduziere ich damit einfach Aufwand und Risiko. Wie das technisch genau funktioniert, ist gar nicht so entscheidend.

Herr Gierlich, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

Im Porträt

Portrait Wenzel-Gierlich

Wenzel Gierlich hat in Dresden Geoinformation studiert und ist seit 2023 Referent im Funktionsteam des Ingenieurbüros Obermeyer. Seine Aufgabe im Funktionsteam besteht darin, Prozesse im gesamten Unternehmen zu digitalisieren und zu standardisieren. An der Einführung des Common Data Environments Autodesk Forma war er federführend beteiligt.

Mit 860 Mitarbeitenden gehört Obermeyer zu den größten deutschsprachigen Planungsunternehmen. Als Pionier der BIM-Methode betreut die deutsche Gesellschaft des Ingenieurbüros vor allem komplexe Infrastrukturprojekte.

Mehr unter www.obermeyer-group.com/de