88 Pictures bekämpft den Fachkräftemangel in der Medienproduktion

Im hauseigenen Schulungsinstitut Gurukul bildet die Medienproduktionsfirma 88 Pictures Nachwuchskräfte aus strukturschwachen Gebieten aus.


Das hauseigene Ausbildungsinstitut Gurukul spielt eine zentrale Rolle bei den Personalbeschaffungs- und Fortbildungsmaßnahmen von 88 Pictures.

Credit: 88 Pictures.

Auszubildende mit Firmen-T-Shirts und Schlüsselbändern lächeln und winken in die Kamera.

Shawn Radcliffe

16. Februar 2026

Min. Lesedauer
  • Trotz der durchaus vorhandenen Bereitschaft zur Fort- und Weiterbildung der Mitarbeitenden tun sich viele Unternehmen weiterhin schwer, die Herausforderungen bei der Anwerbung und langfristigen Bindung von Fachkräften durch effektive interne Schulungsprogramme zu bewältigen

  • 88 Pictures, ein in Indien und Kanada ansässiges Medienproduktionsunternehmen, gründete das hauseigene Ausbildungsinstitut Gurukul, um Nachwuchskräfte aus entlegenen Gebieten für eine Medienkarriere auszubilden

  • Dieser Ansatz sorgt für eine höhere Personalbindung, gewährleistet eine bessere Wettbewerbsfähigkeit in der volatilen Medienbranche und ermöglicht Auszubildenden, innerhalb weniger Monaten an hochwertigen Medienproduktionsprojekten mitzuwirken

Der Wandel im globalen Arbeitsmarkt macht auch vor der Medienproduktion nicht halt, wo ein eklatanter Fachkräftemangel viele Unternehmen vor Herausforderungen stellt. Für die meisten Unternehmen bleibt die Anwerbung und langfristige Bindung von Fachkräften nach wie vor eine Herausforderung. Laut dem 2025 State of Design & Make Bericht von Autodesk ist die Personalbindung für Unternehmen ein ständiges Problem: 26 % der Führungskräfte sehen darin die größte Herausforderung für ihre Organisation. Die Beschaffung von Nachwuchskräften ist besonders schwierig: Fast zwei Drittel der Führungskräfte geben an, sie hätten Schwierigkeiten, Mitarbeitende mit den erforderlichen Kompetenzen zu finden (PDF, S. 47).

Zur Unterstützung seiner Wachstumsstrategie setzt das Medienproduktionsunternehmen 88 Pictures auf eine aktive Bekämpfung des Fachkräftemangels in der Medienproduktion. Ein wichtiger Schritt für die Personalbeschaffungs- und Fortbildungsmaßnahmen des Unternehmens mit Standorten in Indien und Kanada war die Gründung des hauseigenen Schulungsinstituts Gurukul. Dadurch erhalten indische Nachwuchskräfte aus ländlichen Gebieten eine Möglichkeit, eine Medienkarriere einzuschlagen, die ihnen bisher aufgrund mangelnder Ressourcen verschlossen blieb.

„Wir sind ein Premium-Animationsdienstleister, der mit Unternehmen wie DreamWorks, Netflix, Warner Bros., Paramount und Disney zusammenarbeitet. Begonnen haben wir als indisches Unternehmen mit Sitz in Toronto“, erklärt Milind D. Shinde, Gründer und CEO von 88 Pictures. Zum Portfolio des Unternehmens gehören Zeichentrickserien und -filme wie „Kung Fu Panda: Der Drachenritter“, „Trolljäger: Das Erwachen der Titanen“, „Gremlins: Secrets of the Mogwai“ oder „Transformers: EarthSpark“. 88 Pictures entwickelt auch eigene Medienprojekte für internationale Märkte.

Ein Standbild aus einem Spiel zeigt die indische Folklorefigur Kapih mit Pfeil und Bogen.
Das Spiel „Kapih“ von 88 Pictures basiert auf indischer Folklore. Credit: 88 Pictures.

„Als Unternehmen bauen wir unsere internationale Präsenz immer weiter aus“, so Shinde. „Gleichzeitig legen wir unseren Schwerpunkt immer mehr auf Produkte, die in der Wertschöpfungskette weiter oben angesiedelt sind – beispielsweise Spielfilme oder visuelle Effekte.“ Die Bindung hochqualifizierter Fachkräfte ist eine wichtige Voraussetzung für diesen Übergang.

Mit Fortbildung gegen die Volatilität der Branche

Für Unternehmen in der volatilen Medien- und Unterhaltungsbranche ist es besonders wichtig, einen angemessen großen Fachkräftepool zu haben. „Vor ein paar Jahren gab es einen Boom beim Erwerb von Medieninhalten – alle waren sehr beschäftigt, aber jetzt ist das wieder zurückgegangen“, so der Gründer von 88 Pictures. „Infolgedessen stehen Unternehmen vor vielen Herausforderungen bei der Skalierung ihrer Budgets und Personalbestände. Leider kommt es momentan weltweit zu vielen Entlassungen.“

Gleichzeitig steigen die Betriebskosten für Infrastruktur, Software und Fachkräfte weiter an. „Diese Situation lässt sich nur durch einen Umstieg auf Produkte bewältigen, die in der Wertschöpfungskette weiter oben angesiedelt sind und insofern bessere Margen bieten. Dafür sind jedoch entsprechende Kompetenzprofile erforderlich“, so Shinde. Die Anwerbung und Weiterbildung von Fachkräften sei daher entscheidend für das Unternehmenswachstum.

Für global aufgestellte Unternehmen kann es sogar noch schwieriger sein, eine Belegschaft mit den richtigen Fähigkeiten aufzubauen. Shinde erläutert eine zusätzliche Herausforderung für 88 Pictures: Der indische Animationsmarkt ist relativ neu und hat sich erst in den letzten 20 Jahren wirklich herausgebildet. „Nachwuchskräfte bringen in der Regel rohes Potential mit, das man dann als Unternehmen durch Investition in die Ausbildung realisieren muss, bevor sie einsatzbereit sind.“

Die Ausbildung am Gurukul-Institut

Drei Personen zeichnen Pläne auf einem Whiteboard.
Auszubildende arbeiten an einem Spielentwurf. Credit: 88 Pictures.

Das hauseigene Ausbildungsinstitut Gurukul wurde nach einer jahrhundertealten Schultradition in Indien benannt. Shinde entwickelte das Zentrum als Herzensprojekt zur Förderung von Nachwuchskräften: „Ich habe diese Initiative ins Leben gerufen, weil ich selbst aus einer Kleinstadt stamme und nur das Produkt der Möglichkeiten bin, die sich mir boten“, so der CEO von 88 Pictures. „Viele unserer Auszubildenden kommen aus verschiedenen strukturschwachen Gegenden in Indien, sind sehr wissbegierig und bringen eine Menge angeborener Fähigkeiten mit.“

Die Kandidaten für das Programm durchlaufen ein strenges Auswahlverfahren, zu dem auch die Überprüfung des Portfolios und technische Leistungsbewertungen gehören. „Danach bringen wir sie ins Studio und bilden sie drei Monate lang aus“, so Shinde. Die Ausbildung und Mentoring erfolgen durch die Leiter der Kreativabteilung von 88 Pictures. Wenn die Auszubildenden zum Beispiel Modellierer werden wollen, lernen sie mit Tools wie Autodesk Maya umzugehen. Sie beginnen zuerst mit der Erstellung einfacher Requisiten, bevor sie komplexere Requisiten und Objektsets entwerfen.

Nach Abschluss des Kurses wird den Auszubildenden die Möglichkeit geboten, als Vollzeitfachkräfte an Projekten mitzuarbeiten. „Die Weiterentwicklung erfolgt innerhalb 12 bis 18 Monate im Rahmen eines Buddy-Systems“, erklärt Shinde. „Mit Gurukul setzen wir sowohl auf die Ausbildung der Nachwuchskräfte als auch auf die Umschulung erfahrener Fachkräfte. Unsere Kunden kommen aus Nordamerika, daher müssen unsere Führungskräfte über Präsentationsfähigkeiten in der englischen Sprache verfügen. Mit so einer Fortbildung wird aus einer Person, die nur Modelle erstellt, eine vielseitige Führungskraft.“

Wettbewerbsfähig bleiben durch digitale Transformation

Shinde geht davon aus, dass die Nachfrage nach Medieninhalten in den kommenden Jahren wieder steigen wird. Jedoch glaubt er, dass die Studios weniger zahlen werden als während des Aufschwungs zu Zeiten der Corona-Pandemie. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Studios mehr in Technologie investieren, damit Projekte schneller, billiger und besser durchgeführt werden können. „Das kann nur durch digitale Transformation geschehen“, so Shinde. „Menschliche Effizienz stößt an natürliche Grenzen, also man muss auf die digitale Effizienz setzen.“

Ein Aspekt dabei sei die Entwicklung interner Systeme und Lösungen, die schnellere und bessere Ergebnisse liefern. Die zweite ist die Suche nach neuen Tools zur Verbesserung der Effizienz – wie etwa Echtzeittechnologien für schnelleres Rendering und Computing oder Autodesk Flow Production Tracking für Produktionsmanagement und Zusammenarbeit. 88 Pictures hat schon frühzeitig begonnen, Flow (früher ShotGrid genannt) zu nutzen, um menschliche und verfahrensbezogene Ineffizienzen zu identifizieren: „Insgesamt würde ich von digitaler Transformation sprechen“, so Shinde.

Fähigkeiten für das Zeitalter der KI

KI eröffnet einen weiteren Weg zur digitalen Transformation. „KI kann teilweise in einem typischen Arbeitsablauf eingesetzt werden, um Iterationen oder Berechnungsaufgaben schneller zu erledigen“, so Shinde. „Das wird definitiv einen Mehrwert bringen – und erfordert neue Denkansätze.

Derzeit lassen die Verträge den Einsatz von KI bei Auftragsprojekten nicht zu. „Alle Erzeugnisse müssen Originalinhalte sein, die das Studio schafft und die in als geistiges Eigentum in den Besitz des Auftraggebers übergehen“, erklärt Shinde. „Für hauseigene Initiativen – wie zum Beispiel die Entwicklung eigener Filme oder auch Spiele – setzen wir jedoch auf ein KI-Tool, das auf dem Markt erhältlich ist.“

So hat das Unternehmen beispielsweise KI eingesetzt, um für eines seiner Spiele eine einzigartige Optik zu schaffen. „Wir wollten einen jahrhundertealten indischen handgezeichneten Malstil verwenden. Allerdings gibt es keine Künstler mehr, die das beherrschen“, erklärt der Geschäftsführer. „Unsere Kreativabteilung hat versucht, diese Ästhetik nachzuahmen, aber es war schwierig. Dann haben wir eine Möglichkeit entdeckt, diese Stilrichtung mithilfe von KI wieder zum Leben zu erwecken. Wir können diese Technologie anwenden, weil es unser eigenes Produkt ist. Wir haben einen Weg gefunden, KI in Kunst zu verwandeln.“

„KI kann einem Unternehmen fünf Optionen anbieten und die Qualität auf die 70-Prozent-Marke bringen. Aber es sind die übrigen 30 %, die für das Zuschauerinteresse entscheidend sind. Und mit diesen 30 % hat man die Chance, aus den KI-Erzeugnissen sein eigenes Kunstwerk zu schaffen.“

Milind D. Shinde, Gründer und CEO, 88 Pictures

Angesichts der rasanten Entwicklung von Technologie und KI will der Gründer von 88 Pictures das Schulungsprogramm des Gurukul-Ausbildungsinstituts weiterentwickeln, um die Fähigkeiten der Mitarbeitenden für die Zukunft zu sichern. Er hält „künstlerisches Denken“ für unerlässlich: „Es geht darum, Formen und Farben zu verstehen, den Blick für Bewegung zu entwickeln oder sich beispielsweise zu fragen: ‚Wie würde sich ein Stück Stoff aus Baumwolle im Vergleich zu Satin bewegen?‘ Leute, die sich mit Oberflächengestaltung, Compositing oder Beleuchtung auskennen, haben nicht unbedingt eine Ahnung von Farbtheorie“, sagt er. „Wir wollen einen Lehrplan entwickeln, um künstlerisches Denken auf Basis der Visualisierung von Bewegungen, Gewicht und Farben zu vermitteln.“

Mit der zunehmenden Nutzung von KI in der Medien- und Unterhaltungsbranche wird künstlerisches Denken und menschliche Kreativität an Bedeutung gewinnen. „KI kann Ihre Fantasie zum Leben erwecken – allerdings müssen Sie die Kuratorrolle übernehmen“, so Shinde. „KI kann einem Unternehmen fünf Optionen anbieten und die Qualität auf die 70-Prozent--Marke bringen. Aber es sind die übrigen 30 %, die für das Zuschauerinteresse entscheidend sind. Und mit diesen 30 % hat man die Chance, aus den KI-Erzeugnissen sein eigenes Kunstwerk zu schaffen.“

Von Fachkräftemangel zu Fachkräftepool

Ein Mann entwirft ein Videospiel an einem Computerarbeitsplatz.
Ein Designer arbeitet an einem Spiel. Credit: 88 Pictures.

Das Konzept des umfassenden Fortbildungs- und Umschulungsangebots des Ausbildungsinstituts Gurukul ist für 88 Pictures aufgegangen: Die Absolventen sind in nur wenigen Monaten für hochwertige Projekte einsatzbereit. Doch Unternehmen müssen nicht nur für einen sicheren Nachwuchsfachkräftepool sorgen, sondern auch Wege finden, um ihr Personal in einem Markt mit hoher Nachfrage langfristig zu binden. „Man kann von überall aus für jeden Arbeitgeber arbeiten“, so Shinde. „Nachwuchskräfte fragen sich: ‚Was habe ich davon?‘“

„Die Antwort muss man schon in der Einstellungsphase geben: Hier muss man die Fachkräfte, die man braucht, sorgfältig anwerben und auswählen“, meint er. „Sobald wir sie ins System integriert haben, fördern wir sie mit einem Ökosystem, in dem sie sich einbezogen fühlen.“ Er beschreibt drei wichtige Aspekte der Personalbindung bei 88 Pictures: „An erster Stelle steht die Unternehmenskultur und -philosophie. Der zweite Aspekt umfasst die Projekte, an denen die Mitarbeitenden arbeiten, sowie die bereitgestellte Technologie: Mit der richtigen Personalpipeline und den richtigen Arbeitsabläufen macht man den Kreativschaffenden das Leben einfacher. Als Drittes zählt einfach eine gute Vergütung und gute Zusatzleistungen.“

Die fortlaufenden Bemühungen des Unternehmens um die Ausbildung und Umschulung von Arbeitskräften haben zu einer hochqualifizierten, loyalen Belegschaft geführt, die das Wachstum und die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens in der Animationsbranche unterstützt. „Wir haben eine der niedrigsten Fluktuationsraten in unserer Branche, weil wir eine sehr methodische und durchdachte Art der Nachwuchsförderung betreiben“, freut sich Shinde.

Shawn Radcliffe

Zur Person: Shawn Radcliffe

Shawn Radcliffe (ShawnRadcliffe.com) lebt und arbeitet im kanadischen Ontario als freiberuflicher Journalist und Yoga-Lehrer. Sein besonderes Interesse gilt Themen aus den Bereichen Gesundheit, Medizin, Wissenschaft, Architektur, Ingenieur- und Bauwesen sowie Yoga und Meditation.

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